Pressearchiv
am 04.11.2005: Schwerpunktthema Kinder- und
Der Sozialpsychiatrische Verbund, Arbeitskreis für Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten und Behinderungen, veranstaltet am Freitag, 04.11.2005, den traditionellen Tag der Psychiatrie in Langen-Debstedt, Seepark Klinik Debstedt, Bildungszentrum Pflege und Gesundheit, Spadener Weg 3, 27607 Langen-Debstedt.
Die Mitgliederversammlung des Sozialpsychiatrischen Verbundes hat sich im Hinblick auf den Tag der Psychiatrie spontan und einstimmig für den Themenschwerpunkt Kinder und Jugendliche ausgesprochen, weil die Versorgungslage im Landkreis Cuxhaven im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie nach allgemeiner Übereinstimmung als unzureichend angesehen wird. Es geht dabei um die Beurteilung der Gesamtsituation der stationären, teilstationären und ambulanten Versorgung. Kinder und Jugendliche und ihre Eltern sind durch weite Entfernungen sowie lange Klinikaufenthalte erheblichen individuellen und familiären Belastungen ausgeliefert. Erforderlich für eine Verbesserung der Versorgungssituation sind Familien unterstützende wohnortnahe miteinander verknüpfte Lösungen in enger Kooperation mit anderen ärztlichen und psychotherapeutischen Leistungen, mit der Schule sowie mit Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe u.a.
Durch den Tag der Psychiatrie sollen als Zielgruppe besonders angesprochen werden:
Betroffene und Angehörige Betroffener; Bezugspersonen Betroffener; Kinder, Jugendliche und Eltern; Selbsthilfegruppen; Fachpublikum - Ärzte/Ärztinnen, Psychotherapeuten/Psychotherapeutinnen; Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen aus ärztlich geleiteten Einrichtungen; aus Beratungsstellen, aus Jugendhilfestationen, aus teilstationären und stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, aus Schulen sowie interessierte Bürger und Bürgerinnen. Im Mittelpunkt stehen die betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihre Eltern! Das Grußwort zum Tag der Psychiatrie wird Landrat Kai-Uwe Bielefeld sprechen. Fachvorträge halten Prof. Dr. Dietrich Petersen, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Klinikum Bremen-Ost, Dr. Matthias. Bonkowski, Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Bremerhaven sowie Diplom-Psychologin Sylvia Dreist, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des Landkreises Cuxhaven. Prof. Dr. Petersen wird über niedrigschwellige Beratungsangebote sprechen, Dr. Bonkowski über den Umgang mit „schwierigen Kinder“ und Sylvia Dreist über das Thema, wie man mit Kindern über psychische Schwierigkeiten sprechen kann.
Die nicht nur für Fachleute, sondern auch für die interessierte Allgemeinheit gedachten Fachvorträge werden durch ein anspruchsvolles Beiprogramm aufgelockert. Ein Tanztheater aus Cuxhaven unter der künstlerischen Leitung von Frau Andrea Nahrstedt über das „Anderssein“, Volkmar Karsten als Zauberer sowie die Beatbox-Band Sturmflut werden den Nachmittag mitgestalten. Schließlich kommen auch betroffene Eltern, Jugendliche und Kinder über ihre persönlichen Erfahrungen mit der Psychiatrie zu Wort.
Ein besonderes Anliegen sind dem Veranstalter Kinder von Eltern mit einer psychischen Erkrankung. Meist sind diese Kinder unauffällig. Und sie werden deshalb häufig auch nicht mit ihren besonderen Bedürfnissen wahrgenommen. Sie haben allerdings ein erhöhtes Risiko, ebenfalls psychisch krank zu werden oder emotionale Probleme bzw. Verhaltensprobleme zu entwickeln. Das lässt sich durch rechtzeitige und geeignete Unterstützung vermindern. Das Risiko für Kinder, selbst psychisch zu erkranken, ist bei folgenden Erkrankungen eines Elternteils besonders hoch: Manisch-depressive Erkrankung, Schizophrenie, Alkoholismus, Drogenmissbrauch oder Depression. Das Erkrankungsrisiko für die Kinder ist zum Teil erblich (genetisch) verursacht, aber auch das Verhalten der Eltern spielt eine Rolle bei einer möglichen Erkrankung des Kindes. Psychische Erkrankungen der Eltern können zum Beispiel verhindern, dass Kinder die Liebe und Zuwendung bekommen, die für ihre gesunde Entwicklung nötig ist. Eine widersprüchliche, schlecht einschätzbare familiäre Umgebung kann auch zum Entstehen einer psychischen Erkrankung der Kinder beitragen. So kann zum Beispiel eine psychische Erkrankung der Ehe und den erzieherischen Fähigkeiten des Ehepaares schaden und damit auch dem Kind. Einige schützende oder positive Faktoren können das Risiko für die Kinder vermindern. Wenn die Kinder zum Beispiel wissen, dass ihre Eltern krank sind und sie nicht an dieser Erkrankung schuld sind. Wenn Kinder eine sichere und stabile häusliche Umgebung haben. Wenn Kinder das Gefühl, von dem kranken Elternteil geliebt zu werden. Schützend ist ebenfalls eine grundlegend gefestigte und fröhliche Persönlichkeit des Kindes; innere Stärke und gute Bewältigungsstrategien des Kindes; eine gefestigte Beziehung zu einem gesunden Erwachsenen; Freunde; Interesse an Erfolg und Erfolg in der Schule; Interessensgebiete des Kindes außerhalb der Familie sowie Hilfe von außerhalb der Familie, um die familiären Verhältnisse zu verbessern. Häufig haben die betroffenen Kinder niemanden, mit dem sie offen über ihre Situation sprechen können, über ihre Empörung, über ihren Zorn, über ihre Hilflosigkeit. Phantasien von Schuld und Bedrohung können sie belasten. Sie haben häufig das Gefühl, sie müssten ihre Erfahrungen verbergen oder verleugnen, um sich selbst oder ihre Eltern davor zu schützen, abgelehnt oder gar moralisch verurteilt zu werden. Sie übernehmen häufig in besonderem Maße Verantwortung und bekommen dafür selten die angemessene Anerkennung. Ihre eigenen Bedürfnisse und altersgemäßen Ansprüche sind in den Hintergrund geraten.
Diese Erfahrungen führten zur Konzeption des Patenschaftsmodells für Kinder psychisch kranker Eltern, das vom Kinder- und Jugendhilfeausschuss des Landkreises Cuxhaven in seiner Sitzung vom 30.10.2001 beschlossen wurde.
Folgende wesentliche Grundsätze sind für die Patenschaften aus unserer Erfahrung wichtig: Paten können die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen begleiten. Paten können Kindern und Jugendlichen Schutz und Entlastung in schwierigen Situationen anbieten, wenn Eltern nicht in der Lage sind, sie ausreichend zu stützen und zu fördern. Damit verbinden sich die Erwartungen, dass die psychisch erkrankten Eltern und ihr Umgang mit dem Kind von den Paten grundsätzlich nicht bewertet werden. Durch die Patenschaft besteht kein Auftrag, auf die Qualität der familiären Erziehung Einfluss zu nehmen. Paten wissen um die besondere Lebenssituation der Eltern und respektieren sie. Außerdem wird grundsätzlich kein Ersatz der familiären Erziehung und auch kein Konkurrenzmodell angestrebt, sondern eine Ergänzung der familiären Leistung. Eltern-Kind-Beziehungen sollen möglichst erhalten bleiben. Eine Überführung des Betreuungsverhältnisses in eine Dauerpflege kommt nur im Ausnahmefall in Betracht. Eine Patenfamilie ist keine bessere Familie, sondern findet ihre wesentliche Aufgabe in der Stärkung und Unterstützung der vorhandenen Eltern-Kind-Beziehung. Indem Patenschaften zur Entlastung der Eltern sowie zum Schutz und zur Sicherheit der Kinder beitragen, kann unter diesen Voraussetzungen der Anspruch der Mütter und Väter, trotz psychischer Erkrankung gute, sorgende Eltern zu sein, positiv unterstützt werden. Das Patenschaftsmodell wird auf dem Tag der Psychiatrie der Öffentlichkeit auf dem Markt der Möglichkeiten mit anderen präventiven Angeboten und Elterninitiativen präsentiert.