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24.02.2015

»Schon wieder dreht sie sich nicht!«- Windkraftanlagen und Abschaltung

Jeder hat schon die Erfahrung gemacht. Es ist windig, doch einzelne oder mehrere Windräder drehen sich gleichwohl nicht. Die Windräder wurden in diesen Fällen zielgerichtet abgeschaltet.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen handelt es sich um Abschaltungen, die der Landkreis im Genehmigungsbescheid angeordnet hat, zum anderen sind es Abschaltungen, die erforderlich sind, weil die Anlage eine Betriebsstörung hat oder gewartet wird. In einzelnen Fällen mag es auch sein, dass Überkapazitäten im Netz, die Abschaltung erforderlich machen.

Im Folgenden sollen die Abschaltungen auf Grund von Auflagen im Genehmigungsbescheid etwas beleuchtet werden.

Die Errichtung einer Windkraftanlage, d.h. das bloße Bauwerk, bereitet im Genehmigungsverfahren die überschaubarsten Probleme. Wenn das Bauwerk an der konkreten Stelle nicht errichtet werden kann, ist es zu verschieben. Meistens sind dann die baurechtlichen Probleme gelöst.

Die größten Schwierigkeiten entstehen durch den Betrieb der Windkraftanlage. Betrieb heißt das Drehen der Flügel. Mit der Rotation der Flügel sind vielfältige Probleme verbunden.

Zum einen sind die Aspekte des Immissionsschutzes zu nennen. Lärm und Schatten stellen im Immissionsschutz die größten Probleme dar. Ein ständig oder längerfristig über ein bewohntes Grundstück streichender Schatten beeinträchtigt, was unschwer nachvollziehbar ist, das Wohlbefinden der dort lebenden Menschen. Um diese Problemlage in den Griff zu bekommen, werden Schattengutachten erstellt. In dem Schattengutachten wird dann für das Umfeld der Windkraftanlage ausgerechnet, wann genau der Schatten der Flügel über die Grundstücke streicht. (Vor-) Belastungen durch andere Windkraftanlagen sind zu berücksichtigen. Daraus ergibt sich ein theoretischer Wert, denn bei der Berechnung wird davon ausgegangen, dass die Sonne tagsüber stets scheint und nicht durch Wolken verdeckt ist. Dies ist, wie wir alle wissen, in Norddeutschland nicht immer der Fall. Daher wird beim Bau der Windkraftanlage eine technische Einrichtung installiert, die bei jeder Anlage misst, ob die Sonne scheint, sich die Anlage dreht und wie viele Stunden auf dem konkreten Grundstück bereits Schattenwurf auftrat. Je nach dem Ergebnis der Berechnung wird in einem Windpark die Anlage X oder Y abgeschaltet.

Zu dieser Schattenproblematik gesellt sich dann noch der Lärmschutz.

Hierbei muss man wissen, dass zeitgemäße Windkraftanlagen keine Leisetreter sind. Oben in 100 oder 140 m Höhe, direkt an der Gondel, werden teilweise Lärmwerte von über 100 dB(A) gemessen. Zum Vergleich, ein Presslufthammer erzeugt im Betrieb ebenfalls ca. 100 dB(A). Diese Lärmwerte nehmen zwar, was jeder selbst feststellen kann, schnell mit der Entfernung ab. Ein Presslufthammer in einer Entfernung von vielleicht 100 oder 200 m ist bereits erheblich leiser als im Nahbereich. Gleichwohl stellt die lärmtechnische Prüfung eine zentrale Fragestellung im Genehmigungsverfahren dar. Die Anlagen sind auf einen 24 h – Betrieb ausgelegt und je nach Umgebungsbebauung sind sehr geringe Lärmwerte einzuhalten (z.B. reines Wohngebiet nachts 35 dB(A), Dorfgebiet nachts 45 dB(A); zum Vergleich Blätterrascheln 35 dB(A)). Bei der Lärmberechnung ist auch die sogenannte Vorbelastungen zu berücksichtigen, d.h. z.B. der bereits emittierende Handwerksbetrieb neben dem Wohnhaus ist zu berücksichtigen.

Daher gehört es zum täglichen Handwerk einer Genehmigungsbehörde für einzelne Anlage Abschaltungen zu bestimmten Zeiten in den Genehmigungen anzuordnen. Immer dann, wenn auf Grundlage der Prognosebetrachtung im Genehmigungsverfahren von einer Lärmüberschreitung auszugehen ist, wird die Abschaltung angeordnet. Dabei ist zu beachten, dass die Gutachten als Prognosen konservativ zu rechnen sind, d.h. im Zweifel ist die schlechteste Berechnung zugrunde zu legen.

Wenn der Winter oder Herbst naht oder die Wetterbedingungen so sind, dass mit einem Eisansatz an den Flügeln zu rechnen ist, wird auch aus diesem Grunde die Windkraftanlage abgeschaltet, es sei denn durch technische Vorkehrungen (z.B. Flügelheizung) wurde der Eisansatz vermieden.

Daneben führen naturschutzrechtliche Konfliktlagen zur Abschaltung von einzelnen Anlagen.
Im Betrieb erreichen zeitgemäße Windkraftanlagen an den Blattspitzen Geschwindigkeiten von 300 bis 400 km/h. Diese hohen Geschwindigkeiten der Windenergieanlagen können vor allem auf Vögel und Fledermäuse erhebliche Auswirkungen haben.

Die zur Energiegewinnung errichteten Bauwerke sprengen natürliche Maßstäbe. Insofern konnten einzelne Vogelarten kein spezifisches Reaktionsverhalten auf solche Anlagen hin entwickeln. In Marschen und anderen Offenlandbereichen treffen die Anlagen zudem auf spezifische Ansprüche der Vögel des Offenlandes. Viele Wiesenvögel meiden vertikale Strukturen und insoweit auch die Nähe zu Windenergieanlagen. Der Bereich, der von den Tieren gemieden wird, kann je nach Vogelart, Jahreszeit, Aktivität, Nahrungsangebot, Flächennutzung, Witterung und Anlagengröße unterschiedlich groß sein. Der Radius, zu dem es Auswirkungen geben kann, beträgt zum Teil ein Mehrfaches der Anlagenhöhe. Bedeutende Vogellebensräume sollten daher regelmäßig nicht mit Windenergieanlagen bebaut werden. Darüber hinaus besteht für wenig wendige Großvogelarten, z. B. für Seeadler und Uhu, sowie für Flugjäger in offenen Landschaften, wie Rohrweihe und Wiesenweihe, die Anlagen nicht oder zu spät als Gefahr erkennen, ein generelles Risiko, mit Anlagenteilen zu kollidieren.

Die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten hat daher nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse Abstandsempfehlungen von Windenergieanlagen zu Brutvogellebensräumen herausgeben.
Diese Abstandsempfehlungen werden im Rahmen eines Genehmigungsverfahrens für Windenergieanlagen herangezogen, um im Vorweg abzuschätzen, ob die Errichtung der Windenergieanlagen gegen artenschutzrechtliche Bestimmungen des Bundesnaturschutzgesetzes verstoßen. Soll auf naturschutzrechtlich besonders konfliktreiche Windparkvorhaben nicht gänzlich verzichtet werden, bleibt dem Vorhabenträger die Möglichkeit im Einzelfall zum Teil langwierige Untersuchungen vorzunehmen, um herauszufinden, ob der Standort der Windenergieanlagen artenschutzrechtlich zulässig ist. Kommen solche Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass ein erhöhtes Kollisionsrisiko der Vögel mit den geplanten Windenergieanlagen besteht, dürfen die Anlagen nicht errichtet werden.

Dabei ist der Artenschutz immer individuenbezogen vor dem Hintergrund der konkreten Situation vor Ort zu bewerten. Landes- oder bundesweite Untersuchungsstandards sind dabei oftmals nicht vorhanden oder teilweise noch in der Entwicklung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Vögel bei Brut- und Jungenaufzucht ein deutlich verändertes Verhalten aufweisen, so dass notwendige Analysen, die die Raumnutzung der Vögel darstellen sollen, nur aussagekräftig sind, wenn die Tiere erfolgreich brüten.

Auch das Vorkommen von Fledermäusen kann bei dem Betrieb von Windenergieanlagen zu Konflikten führen. Neben direktem Schlag durch die Rotoren sterben Fledermäuse auch am so genannten „Barotrauma“. Bei barotraumatisierten Tieren zerreißen durch die starken Luftdruckunterschiede an den Rotorblättern die inneren Organe, inklusive der Hörorgane, auf die die Fledermäuse bei der Jagd angewiesen sind.

Neuere Forschungen haben ergeben, dass die Fledermäuse mit mildem Barotrauma jedoch vermutlich nicht sofort sterben, sondern noch einige Minuten oder gar Stunden weiterfliegen, so dass sich die Zahl der unentdeckten Todesfälle erhöhen dürfte. Eine effektive Schutzmaßnahme für Fledermäuse besteht darin, Windräder bei wenig Wind abzuschalten. Dies wird innerhalb des Genehmigungsverfahrens für jede Windenergieanlage und individuell auf die im Gebiet vorkommenden Fledermausarten geprüft.

Da die Genehmigung für die Errichtung und den Betrieb von Windenergieanlagen nur erteilt werden darf, wenn auch die natur- und artenschutzrechtlichen Vorschriften eingehalten werden, ist es in einigen Fällen unerlässlich, umfangreiche Auflagen in die Genehmigung aufzunehmen, um den Betrieb im Einklang mit den artenschutzrechtlichen Vorschriften zuzulassen. 

Autor/in: Presse- und InformationsDienst des Landkreises Cuxhaven